Festrede des Bürgermeisters 24. Mai 2006
 

Sehr geehrte Festgesellschaft,

seit dem Start der Vorbereitungen im vergangenen Jahr habe ich in den Treffen der Arbeitsgruppen mehrmals darauf hingewiesen, dass es nach der 600jährigen Stadtrechtsfeier 1981 diesmal an uns ist, ein Stadtjubiläum auszurichten, welches so erst wieder 2031 in abermals 25 Jahren gefeiert werden wird. Deshalb - so denke ich - werden sowohl dieser Abend als auch die folgenden Veranstaltungen zumindest für die nächsten Jahre ihren besonderen Nachklang in unseren Erinnerungen und im Kalender der Stadtgeschichte haben. Sie werden es mir somit angesichts der Bedeutung dieses Ereignisses nicht nachtragen - dafür hätten Sie dann allerdings 25 Jahre lang Gelegenheit - , wenn ich mir eingangs meiner Festansprache die Zeit nehme, unsere Ehrengäste zu begrüßen, die heute mit uns feiern möchten:

1- Ich darf zuerst unseren Landrat Herrn Roßner und seine Gattin herzlich begrüßen. Der Saale-Orla-Kreis steht ja historisch gesehen in der Nachfolge des Landkreises Ziegenrück, dessen Kreisstadt Ranis für die Dauer seines 150 Jahre langen Bestehens (1815-1945) gewesen ist. Ich möchte Ihnen heute besonders für die kooperative Unterstützung der Stadt beim Erhalt des Burgmuseums und für ihr aktuelles Interesse an den örtlichen Prozessen zur Entwicklung der touristischen und wirtschaftlichen Infrastruktur danken.

2- Herzlich willkommen heiße ich auch unseren ehemaligen Landrat Herrn Peter. Herr Landrat, es war nicht einfach, im schwierigen Fahrwasser der Nachwendejahre Kurs zu halten: Sie am Steuer, wir Bürgermeister in der Takelage - und manchmal auch umgekehrt.

3- Ich begrüße Frau und Herrn Kalkowski, die aus dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen nach Ranis gekommen sind und beste Wünsche von Landrat Dr. Kessler überbringen. Herr Landrat Kessler wird aus terminlichen Gründen erst am Sonntag unsere Gastfreundschaft genießen können. Wir erinnern uns gerne an die bisherigen Kontakte der Landkreispartnerschaft mit Neuburg-Schrobenhausen und besonders an die herzliche Aufnahme der Raniser Delegation im vergangenen Jahr zum Neuburger Schlossfest. Diesmal freuen wir uns auf die Neuburger Jagdhornbläser, die auf Ihre Vermittlung hin die historischen Markttage eröffnen und am großen Festumzug teilnehmen werden.

4- Mit Schützenleiter Helmut Müller und Ehrenschützenmeister Martin Felbermeier begrüßen wir weitere Gäste aus dem Partnerlandkreis.

5- Zu solch einem "Fescht'le" - wie man im Schwäbischen sagt - dürfen und wollten Sie auch nicht fehlen: Herr Schneider, Bürgermeister unserer Partnergemeinde Rudersberg, und seine Gattin haben ihre an sich schon kurze Urlaubstour durch die neuen Bundesländer umgeplant und es sich nicht nehmen lassen, an diesem Abend bei uns zu sein. Herzlich Willkommen!
Liebe Schneiders, verstauen Sie bitte in ihrem Reisegepäck unsere besten Grüße an die Rudersberger Bürgerschaft.

6- Ganz herzliche Grüße aus Rudersberg darf ich der Festgesellschaft von Frau Grünler, Gattin unseres verstorbenen Ehrenbürgers Hans-Volkmar Grünler übermitteln. Sie musste leider ihre Teilnahme noch kurzfristig absagen. Es ist nicht nur die interessante Biografie unseres Ehrenbürgers, sondern auch die Kontinuität, mit der sich Herr Grünler für das Zustandekommen und die Pflege der Partnerschaft mit Rudersberg einsetzte, die mir in guter Erinnerung bleiben.

7- Heute einmal ohne einen bevorstehenden Wahltermin zählen mit Frau Künast (SPD) und Herrn Schugens (CDU) Mitglieder des Thüringer Landtages, die auch unserer Stadt in den vergangenen Jahren entsprechend ihrer Möglichkeiten förderlich waren, zu unseren Gästen.

8- Ich begrüße den Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Saale-Orla, Herrn Schmidt und seine Gattin sowie den Leiter der Raniser Filiale Herrn Caspari. Sowohl mein Amt als auch Raniser Einrichtungen und Vereine können immer wieder die erleichternde Erfahrung machen, dass die Türen der Sparkasse nicht nur für die üblichen Geldgeschäfte offen stehen. Dafür sei Ihnen herzlich gedankt.

9- Herzlich Willkommen heißen möchte ich mit Ludwig und Bernd von Breitenbuch auch Vertreter der Familie von Breitenbauch, deren Vorfahren in den vergangenen Jahrhunderten die Stadtentwicklung wesentlich geprägt hatten. Heute verfolgen Sie mit Interesse die aktuellen Ereignisse in der Stadt und auf der Burg und bringen sich darüber hinaus im Förderkreis Burg Ranis e.V. uneigennützig in angenehmer Weise ein.

10- Sozusagen als heutigen Burgherren von Amtes wegen darf ich auch Herrn Dr. Paulus, Direktor der Landesstiftung Thüringer Schlösser und Gärten, begrüßen.

11- Eine besondere Ehre ist für mich, Ihnen die Grüße von Herr Obermedizinalrat Dr. Muselmann zu übermitteln. Ihm ist wegen einer schweren Krankheit das Kommen leider nicht möglich gewesen. Dr. Muselmann hat nach Dr. Scultetus die 150jährige Raniser Krankenhausgeschichte als Leiter von 1949 bis 1978 geprägt und für sein Lebenswerk 2004 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Ranis erhalten.

12- Herzlich willkommen heiße ich Frau und Herrn Dr. Bauer, die sich neben ihrer 30jährigen Tätigkeit als praktizierende und leitende Ärzte auch durch ihr kommunalpolitisches Engagement als ehemalige Mitglieder des Kreistages und des Stadtrates die Anerkennung der Bevölkerung erworben haben.

13- Ich begrüße auch Herrn Breidt, der als Pressesprecher der Thüringen-Kliniken Saalfeld-Rudolstadt gGmbH die neue Eigentümerin des Raniser Krankenhauses vertritt und für die Fortsetzung der traditionsreichen Geschichte dieses Hauses steht.

14- Ich grüße die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus den Städten und Nachbargemeinden, die meiner Einladung gefolgt sind, und wünsche ihnen Bürgerschaft und Rat, wie ich sie in Ranis haben darf.
Besonders erwähnen möchte ich, dass meine Vorgänger im Amt, Herr Ambros Richter (1990-92) und Herr Heinz Fischer (1982-90) auch unter uns sind.

15- Stellvertretend für unsere regionalen Partner aus der Wirtschaft begrüße ich ganz herzlich den Inhaber der Pößnecker Rosenbrauerei Herrn Wagner und darf Ihnen die Grüße der Geschäftsleitung der GGP Media GmbH Pößneck übermitteln.

Ich darf daran erinnern, dass die Rosenbrauerei in den schwierigen Anfangsjahren der Neuorientierung und Umstrukturierung nach 1990 über das Getränkegeschäft hinaus mit ihrem Sponsoring immer ein verlässlicher Partner gewesen ist - der Stadt, den Gaststätten und Vereinen. Deshalb freut es mich besonders, dass die meisten von ihnen heute, da sich der Wettbewerb um die Marktanteile verschärft, ihrerseits der Pößnecker Brauerei die Treue halten.

Nicht nur mit der verlässlichen Unterstützung der Thüringer Literatur- und Autorentage, der Lese-Serien im Burgmuseum, der Raniser Stadtschreiber-Editionen und regionaler Literaturaktivitäten, sondern auch mit der regelmäßigen Aufstockung der Bibliotheksbestände in Ranis und Pößneck zeigt der Graphische Großbetrieb, dass sein Interesse am Buch nicht an den Werktoren aufhört. Mit seiner Hilfe hat sich in den letzten Jahren in der Region eine überaus positive Literatur- und Leselandschaft entwickelt.

16- Ich begrüße ebenso Frau Haucke, die mit der Agrarprodukte Ludwigshof e.G. das Raniser Unternehmen mit den derzeit meisten Arbeitsplätzen (117) führt. Aber auch die anderen örtlichen Gewerbetreibenden sind heute nicht nur durch die Sponsorenschilder zahlreich vertreten. Sie tragen mit Ihrer Unterstützung zum Gelingen vieler Veranstaltungen bei. Immer auch die kleinen Handreichungen haben unserer Stadt in der Vergangenheit und auch jetzt wieder bei der Vorbereitung dieser Festtage weitergeholfen.

17- Die Vorsitzenden der Raniser Vereine habe ich ganz bewusst als Ehrengäste eingeladen, denn es sind die Vereine, welche durch ihr engagiertes Wirken unser Gemeinwesen bereichern und gesellschaftliches Leben gestalten. Der Festschrift kann man entnehmen, dass in unserer kleinen Stadt derzeit 21 Vereine tätig sind.

18- Die öffentlichen Raniser Einrichtungen sind nicht nur infrastrukturelle Standortfaktoren, sondern bringen sich über ihre Kernaufgaben hinaus in der gleichen positiven Weise wie die Vereine in das Stadtleben ein. Ich grüße herzlich die Leiter der Staatlichen Grund- und Regelschule, die Vertreter der beiden Raniser Kinder- und Jugendeinrichtungen und die Pastoren der Kirchgemeinden.

19- Zu Gast sind heute auch zahlreiche Mitglieder der seit 400 Jahren in Ranis ansässigen Familie Ziegenspeck, die das Stadtjubiläum ganz bewusst für ein Familientreffen ausgewählt haben und im morgigen Himmelfahrtsgottesdienst des Pfarrers und Kirchenlieddichters Michael Ziegenspeck gedenken werden.

20- Schließlich grüße ich ebenso herzlich die Mitglieder des Raniser Stadtrates und alle weiteren Gäste, die ich nun aber doch nicht mehr alle namentlich aufführen kann.



Leitgedanke der Festrede: Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen

Sehr geehrte, liebe Festgäste,

das Feiern von Jubiläen ist schon immer auch Anlass, neben den Alltagsgeschäften und trotz der Hektik der Zeit eine Pause einzulegen und sich zu besinnen, woher man kommt, wer man ist und wohin man geht. Dies ist eine wichtige, vielleicht sogar die zentrale Frage nicht nur der ganz persönlichen Biografie des Einzelnen, sondern ebenso des gemeinschaftlichen, des kommunalen Zusammenlebens.
Wenn wir als Gemeinschaft entscheiden wollen, wohin wir gehen, sollten wir wissen, wer wir sind. Um zu erkennen, wer wir sind, müssen wir verstehen, woher wir kommen. Dieser Zusammenhang ist eine Lebensweisheit, die nicht von mir stammt, die mir aber im Bezug auf die Stadt immer mehr zur aktuellen Begleiterin geworden ist, seitdem ich mich mit der Gestaltung unseres Jubiläums beschäftigt habe.
Einfacher gesagt: So ein Stadtjubiläum ist wie ein runder Geburtstag oder eine Goldene Hochzeit. Da halten wir inne, blicken zurück und fragen uns, was wohl die Zukunft bringt.

1. Woher wir kommen

Mit einer Darstellung der Stadtgeschichte der gesamten letzten 625 Jahre wären wir heute Abend überfordert, sie müsste wegen der lückenhaften Kenntnislage sowieso auch unvollständig bleiben. Ich verweise deshalb auf die hochinteressanten historischen Beiträge von Herrn Prof. Matthias Werner, Herrn Bernd Schneider und Herrn Thomas Queck in der Festschrift, die uns auf die Frage "Woher wir kommen" zumindest aus entscheidenden Phasen der Siedlungs- und Stadtgeschichte wichtige Antworten geben können.

Der erhalten gebliebenen Urkunde vom 30. September 1381 verdanken wir das heutige Zusammensein. Sie benennt nicht nur Ranis erstmals als Stadt, sondern zeichnet zusammen mit anderen urkundlichen Belegen aus dem 14. Jahrhundert ein Bild von ihrer damaligen Bedeutung.

Die Privilegien einer frühmittelalterlichen Stadt bestanden in der eigenen Selbstverwaltung - aber bei weitem noch nicht zu vergleichen mit der heutigen kommunalen Selbstbestimmung - und der Verteidigung gegen äußere Feinde - das ist uns heute zum Glück abgenommen. Ihre damaligen Bewohner wurden mit dem Ablegen eines Bürgereides zu Stadtbürgern. Die Schöffen und ein Schultheiß - später die Ratsherren und der Bürgermeister - leiteten die Stadtgeschäfte und waren mit der Wahrnehmung der niederen Gerichtsbarkeit betraut. Die Bürgermeister sind uns übrigens lückenlos bis 1632 zurück bekannt.
Die Stadtgemeinde stand unter dem Schutz und der Aufsicht ihres Stadtherren, dem sie zu Abgaben und Leistungen verpflichtet war. Seit ihrer Entstehung stand die Stadt in engster Wechselbeziehung zur Burg, zwar rechtlich getrennt, aber baulich durch die noch heute sichtbare Stadtmauer zum gegenseitigen Schutze eng mit ihr verbunden. Wer heute den direkten Verbindungsweg vom historischen Rathaus in der Altstadt zur Burg hinaufsteigt, wird an diese frühesten Bindungen erinnert.

Die Stadt wurde von den Schwarzburger Grafen gegründet und war bereits 1339 Verwaltungssitz, Mittelpunkt eines schwarzburgischen Amtes mit 23 Dörfern im damaligen Orlagau. Im Zuge des Herrschaftsausbaus der Schwarzburger gegen die Wettiner entwickelten sich Stadt und Burg rasch zum Machtzentrum im früh- und hochmittel-alterlichen Orlagau. Amt und Stadt hatten als altes Reichslehen von Saalfeld her eine höhere Rechtsqualität als das benachbarte wettinische Lehen Pößneck, welches den Schwarzburgern nur als Altersitz diente.
Seine erste Blüte erreichte Ranis nach 1381 als Residenzstadt des schwarzburgischen Grafen Günther XXVIII. . Die Biografie des Burg- und Stadtherren Graf Günther war für die weitere Stadtentwicklung von historischer Tragweite: Der Schwarzburger Graf blieb kinderlos, als er 1418 am Rande des Konstanzer Kaiserkonzils im Bodensee ertrank. So verlor Ranis mangels Erbnachfolge schon nach knapp vierzig Jahren den Residenzstatus und versank im Ergebnis des Thüringer Grafenkrieges, der an die Wettiner verloren gegangen war, in den folgenden vier Jahrhunderten als wettinisches Amt fast in der Bedeutungslosigkeit.

Was hätte aus Ranis nicht noch alles werden können, wenn Herr Graf zu Lebzeiten fleißiger gewesen wäre... !

Die Familiengeschichte derer von Brandenstein als Lehnsherren ab 1448 (1465 erfolgte die Schenkung von Stadt und Burg an Heinrich von Brandenstein -> Seine Schwester Katharina von Brandenstein war die zweite Gemahlin von Herzog Wilhelm III. von Sachsen geworden) und danach ab 1571 mit dem Erwerb von Stadt und Burg durch Melchior von Breitenbauch die Familiengeschichte derer von Breitenbuch - wie Sie seit Arthur von Breitenbuch heißen - mögen da immer einmal wieder Lichtpunkte am Horizont der Geschichte erzeugt und auf Ranis aufmerksam gemacht haben. Der Stadt selber aber blieb nur der Status eines Ackerbürger- und Handwerkerstädtchens mit seiner Versorgungsfunktion für Burg und Umland.

Erst 1815 mit der Bildung des preußischen Landkreises Ziegenrück im Ergebnis des Wiener Kongresses beginnt für das spätmittelalterliche Ranis, nunmehr als Kreisstadt, wieder eine Phase des Aufschwunges.

Aus den Unterlagen im Stadtarchiv, aus den Aufzeichnungen der Landräte Ludwig Franz von Breitenbauch (1797-1881, LR 1847-67) und Arthur von Breitenbuch (1831-1909, LR 1876-1908) sowie des Altertumsforschers und Bildmalers Dietrich von Breitenbuch (1882-1949), aus dem Ziegenrücker Kreisboten und anderen Belegen lässt sich ein recht lebendiges Bild der spätmittelalterlichen Stadt bis in das letzte Jahrhundert hinein rekonstruieren. Ich verweise auf die Lektüre der Festschrift und der Beschreibungen von Eberhard Halter in seinen Kindheitserinnerungen und empfehle Ihnen eine darauffolgende Wanderung durch unsere Stadt.

Bürgermeistern und Ratsherren obliegt die Aufgabe, gemeinsam mit Land- und Kreisräten preußische Reformpolitik durch neue Einrichtungen und Verordnungen in Stadt und Landkreis umzusetzen. So erfolgt der Erlass von Markt- und Stadtordnungen, welche die Raniser Ortsgesetze von 1590 (aufgestellt durch Melchior von Breitenbauch und die Gebrüder und Vettern von Brandenstein) ablösen.

Die 150jährige Geschichte des Krankenhauswesens wird mit der Eröffnung der ersten Krankenanstalt im Mai 1856 begründet. Im Landkreis etablieren sich die ersten sozialstaatlichen Strukturen wie Versicherungen und Krankenkassen, Ranis profitiert vom modernen Preußen dieser Zeit.

Das 1839-40 als Schule errichtete Gebäude in der Pößnecker Straße (heute Sitz der Verwaltungsgemeinschaft), das 1840-44 von Ludwig von Breitenbuch errichtete Gutshaus in Ludwigshof (heute Verwaltungssitz der Agrarprodukte Ludwigshof e.G.), das 1903-1904 gebaute Krankenhaus in der Wöhlsdorfer Straße und das aus 1910 stammende Kreishaus ausgangs der Lindenstraße als Sitz des Landratsamtes (heute Kinder- und Jugendheim der Diakonie) sind im Ortsbild die typischsten Vertreter der damaligen repräsentativen Gebäudearchitektur.
Pläne zum Bau einer Eisenbahnlinie Saalfeld-Ziegenrück werden aufgestellt und aus Kostengründen wieder verworfen (anstelle des Wohnhauses des Bürgermeisters stünde in der Waldstraße das Bahnhofsgebäude und die heutige Bahnhofstraße hieße sicherlich anders).
Zahlreiche Handwerker und Gewerbetreibende aller Richtungen haben neben der Landwirtschaft ihr Auskommen. Der Fremdenverkehr als zusätzliches wirtschaftliches Standbein hat seine Anfänge, als Dietrich von Breitenbuch um 1928 die Burg dem Besucherverkehr öffnet und ein Museum einrichtet. Es erfolgt die wohnbauliche Erweiterung der Stadt weit über die Stadtmauern hinaus.

Der Zweite Weltkrieg bereitet dieser Entwicklung ein vorläufiges, jähes Ende. In den schweren Nachkriegsjahren erholen sich Land und Leute nur langsam.


2. Wer wir sind

Verehrte Festgesellschaft,

Gegenstand dieses Abends kann es nicht sein, ein Referat über die Geschichte der DDR halten oder gar Gesellschaftspolitik betreiben zu wollen. Das wäre angesichts der aktuellen Diskussionen vielleicht ganz interessant und notwendig, einer 625-Jahrfeier jedoch nicht angemessen. Aber es ist mir wichtig, bei der Frage, woher wir kommen, festzuhalten, dass die Biografien der überwiegenden Raniser Bevölkerung - auch die meine - Lebensläufe von Menschen sind, die in der DDR geboren wurden und aufwuchsen, in der DDR lernten, arbeiteten und sich einrichteten. Nicht alle wollten oder konnten weggehen. Die aktuelle Einwohnerstatistik in der Festschrift ist der Beleg dafür.
Weil wir erkennen wollen, wer wir sind, müssen wir entgegen einzelner Wendehälse authentisch bleiben und unsere Biografien einbringen wie sie sind, allerdings ohne Fehlverhalten zu beschönigen oder unter den Tisch zu kehren.
Ich darf zur Nachkriegs- und DDR-Geschichte von Ranis auf die beiden Bücher von Eberhard Halter verweisen. In ihnen wird anhand der kinder- und jugendbiografischen Erinnerungen des Autors recht charakteristisch das Ranis dieser Zeit gezeichnet.
Das heutige Erscheinungsbild unserer Stadt wäre ein Anderes, würde jemand die vier Jahrzehnte vor 1990 ausblenden wollen. Da muss ich Ihnen gar keine Beispiele aufzählen, denn die meisten der hier anwesenden Raniser haben einen unmittelbaren Anteil an dem in dieser Zeit Geschaffenen. Ihre Lebensgeschichte ist deshalb auch Stadtgeschichte.

Alle Kräfte nach Berlin - die Hauptstadt als Stolz der Republik! Zentralgeleitete Bilanzen, Kapazitätenmangel vor Ort - Ranis ergeht es diesbezüglich wie den meisten Ortschaften in der DDR, da bleibt nur der Bauern- und Handwerkerstolz, mit denen gerade die bodenständigen Thüringer versuchen, das gebliebene Eigentum zu erhalten und das Lebensumfeld zu gestalten.
Solidarität untereinander, Erfindungsreichtum und Organisationstalent der Bürger und der Ortsverantwortlichen im Zusammenspiel mit den ansässigen Betrieben werden dem Mangel entgegengesetzt, Nachbarschaftshilfe und Feierabendbrigaden - um an nur zwei der damaligen Begrifflichkeiten zu erinnern - prägen das Gemeinwesen.

Burgfeste trotz Mangelwirtschaft! Ritterfasching trotz Spitzeldienste!
Die Gedanken bleiben frei.

Der Raniser entwickelt Eigenschaften, die auch heute noch nichts an Wert verloren haben, im Gegenteil. Es sind nicht mehr Warenmangel und Meinungsgitter, die unseren Alltag bedrängen. Heute diagnostiziert der Finanzmakler das psychische Stressverhalten und kalkuliert der Mediziner den akuten Geldmangel. Da sind statt Ellenbogen nun wiederum der Blick für den Nachbarn und statt Lethargie weiterhin die zündende Idee gefragt. Und den aufrechten Gang werden wir nicht mehr verlernen.

Sehr geehrte Festgäste,

wenn ich Ihnen mit der ausführlichen Begrüßung am Anfang fast schon einen ersten Blick auf das "Ranis heute" gestattet habe, dann zeichnet sicherlich die Festschrift mit ihrer Momentaufnahme den zweiten. Aber manchem Raniser wird erst beim dritten Hinsehen bewusst, was sich in unserer Stadt seit dem letzten Jubiläum und gerade in den letzten Jahren alles verändert hat. Vieles nehmen wir, gefangen im Alltagsgeschehen, gar nicht als Veränderung war. Menschen von außerhalb müssen uns oftmals erst darauf hinweisen - seien es Verwandte, Urlauber oder Politiker in Grußworten.

Die Festtage wollen auch Anlass sein, den Blick zu öffnen für diese Veränderungen. Denn auch sie zeigen, wer wir sind.

Ob wir von den verschiedenen aussichtsreichen Standorten der Burg aus Stadt und Landschaft überblicken, ob wir in der Enge der Altstadt, in den jüngeren Stadtbereichen, in den Ortsteilen Heroldshof, Brandenstein und Ludwigshof oder in den neuesten Baugebieten unseren Blick nach rechts und links wenden - eine überwältigende Bilanz an Neu- und Umbauten, an Gebäude- und Grundstückssanierungen eröffnet sich und zeugt vom Fleiß der Raniser. Die Kommune hat den ihr möglichen Teil dazu beigetragen und dabei bewusst auch eigene Vorhaben hinten angestellt. Insgesamt mehr als zehn Millionen DM wurden aus der Stadtkasse seit 1992 als Zuschüsse an private Bauherren in der Altstadt, für die Ansiedlung von Unternehmen im Gewerbegebiet "An der Tauge" und für die Bereitstellung erschlossener Baugrundstücke im Wohngebiet "Am Röhrensteige" ausgereicht oder als Eigenanteile in die Erschließungsmaßnahmen investiert.

Den meisten Raniser Unternehmen ist es gelungen, sich nach den schwierigen Jahren der Neu- und Umorientierung nach 1990 am Markt zu behaupten und Arbeitsplätze vor Ort zu erhalten. Die Bedingungen sind heute nicht einfacher geworden und werden wohl auch auf absehbare Zeit nicht einfacher sein. Ich habe dafür zu danken, dass sie trotzdem den Blick für unsere Stadt nicht verloren haben und sich über ihre Geschäftstätigkeit hinaus an der Stadtentwicklung beteiligen.
Es ist schon beeindruckend, wie sich beispielsweise das Antlitz des Gutes Ludwigshof in den letzten Jahren als Geschäftssitz der Agrarprodukte e.G. verändert hat. Altes erstrahlt in neuem Glanz und hat neue Funktionen gefunden. Hier ist heute eine landwirtschaftliche Tradition in guten Händen.

Das Orts- und Landschaftsbild hat sich als Gemeinschaftswerk der Bürger, der Kommune und der Wirtschaft in den letzten Jahren unübersehbar positiv verändert.

Und da ist die Atmosphäre dieser Stadt:

Die verwinkelte, sich eng an den Burgberg schmiegende Altstadt mit ihren geselligen Gasthäusern "Schmiede" und "Altmarktstübchen" - wo sich Bewohner und Wirte fast familiär den Bierhahn teilen und der Platz für Winkel- und Altmarktfest kaum noch ausreicht;
Die Zudelsdorfer Kirmes, wo dem Raniser das heimliche Zentrum der Stadt gezeigt wird und die Kirche dazu erst noch gebaut werden muss;
Ritterfaschingsnarren und Burgfreunde - die den Namen von Stadt und Burg auf ihre eigene Weise in die Welt hinaus tragen (zumindest jedoch bis in die Landeshauptstadt);
Literaturtage und Autorenlesungen, Galerie- und Museumsausstellungen, Stadtkirchenkonzerte und Adventsblasen;
Exkursionen und Bildungsangebote von Artenschutzzentrum, Landschaftspflegeverband und Naturlehrgarten;
Fußball- und Kegelsport, Limberglauf, Bowling im Deutschen Garten, Reiten in Ludwigshof und Golf im Freudental;
Die Begegnungen im Seniorenzentrum, die großen Feste und kleinen Feiern der Vereine, Kirchgemeinden und Wohngemeinschaften ...

Eine vollständige Aufzählung gelingt mir gar nicht und ich bestaune den Einfallsreichtum, mit dem der Raniser die Begegnung untereinander sucht und sich nach außen präsentiert.
Aktivitäten, die den jährlichen Veranstaltungskalender gut füllen und keine Langeweile aufkommen lassen.

Da darf man sich dann auch einmal Ruhe und Entspannung gönnen bei einem Spaziergang aus der Stadt heraus.
Und sofort hat man den wunderschönen Landschaftsraum vor Augen, der sich zusammensetzt aus dem Wechselspiel der geologischen Formationen von der Heide bis zur Saale, darin eingebettet die Stadt mit ihren beiden Wächtern Preißnitz- und Burgberg. Und als sollte das noch nicht reichen - hoch oben die stolze Majestät selber, das Wahrzeichen unserer Stadt - über ein Jahrtausend das weite Land dominierend und von der Wehrhaftig- und Leistungsfähigkeit des Ortes kündend.

Das ist für mich Ranis heute! - eine liebens- und lebenswerte Stadt.

Meine Darstellung ist subjektiv, gewiss. Jede und jeder von den hier im Festzelt anwesenden und den zu Hause gebliebenen Bewohnern mag unsere Stadt anders sehen und erleben - aber auch das macht ein Gemeinwesen aus und das Bürgermeisteramt erst so richtig interessant.

Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang doch noch ein paar ganz spezielle Worte einzuschieben betreffs der Sichtweise eines Bürgermeisters, der gemessen an den 625 Jubiläumsjahren mit 1992 ja gerade erst neulich in dieses bemerkenswerte Städtchen hineingerufen wurde. Nennen wir die folgende kleine Analyse sozusagen meinen ersten Eindruck als "Roon'ser" Bürgermeister; resümiert aus Sitzungen, Gesprächen und Lokalerlebnissen:

Erstens: Der einzelne Roon'ser

Der einzelne Roon'ser ist weitsichtig - Er schimpft bereits über Dinge, von denen er noch gar keine richtige Ahnung hat.
Der einzelne Roon'ser ist vorsichtig - Zu heiklen Angelegenheiten geht er gar nicht erst hin.
Der einzelne Roon'ser ist kurzsichtig - Was er nicht sehen will, das sieht er nicht.

Trotzdem gelingt es dem einzelnen Roon'ser in der Mehrheit schließlich doch immer wieder, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.

Mein Fazit: Der Roon'ser ist ein Unikum.

Zweitens: Der Roon'ser in der Gemeinschaft

Der Roon'ser in der Gemeinschaft ist treu - Er verlässt sie nur allzu ungern. Gelegentlich habe ich dabei schon Seufzer vernommen.
Der Roon'ser in der Gemeinschaft ist bedächtig - Er lässt immer erst den Nachbarn zu Wort kommen.
Der Roon'ser in der Gemeinschaft ist stark - Er lehrt sogar dem Bürgermeister das Fürchten.

Trotzdem - oder jetzt besser deshalb konnten wir in unserer Stadt in den letzten Jahren so viel bewegen.

Mein Fazit: Auf uns Roon'ser können wir stolz sein.


Jüngstes Beispiel für eine so erlebte Gemeinschaft in unserer Stadt ist die Vorbereitung dieser Festtage - als die Motoren der Zugpferde im letzten Sommer warmliefen, war es noch eine kleine Schar, als es aber dann im neuen Jahr auf die Zielgerade ging, hatten wir ein schlagkräftiges Vorbereitungsteam beisammen und bekamen Unterstützung aus allen Ecken.
Ich danke an dieser Stelle Allen, die an der Vorbereitung dieser Festtage beteiligt gewesen sind. Ohne das Zusammenkommen der vielen Ideen, der immensen Arbeit bis ins Detail und der finanziellen Zuwendungen wäre diese Festwoche nicht zustande gekommen.
Ob Hans Westerheide, der unsere Festschrift gestaltet und gesetzt hat und mit mir zum Schluss fast am Verzweifeln war, als es um die pünktliche Fertigstellung ging, ob Andrea Hanft, die mit fast stoischer Ruhe und Akribie in den letzten Wochen, Tagen und Stunden einen Schriftzug nach dem anderen auf unzählige Schilder gemalt hat: Hunderte werden am Sonntag Abend als Vorbereiter oder Mitgestalter das 625jährige Stadtrechtjubiläum zum Gelingen gebracht haben.

Wir dürfen gespannt sein auf die einzelnen Termine und haben an jedem der kommenden Tage allen Grund zum Feiern.

Lassen Sie uns deshalb heute zur Eröffnung unbeschwert unsere Gegenwart reflektieren in ihrer Vorgeschichte. Schon morgen ist dieser Abend Vergangenheit, und am Dienstag wird dieses Zelt wieder abgebaut.


3. Wohin wir gehen

Verehrte Festgesellschaft,

Wenn ich zum Ende meiner Festrede auf die Frage, wohin wir gehen, eine abschließende und dann auch noch richtige Antwort geben könnte, wäre ich ein Prophet.
Wenn ich uns ein Wolkenkuckucksheim malen oder ein Schlaraffenland versprechen wollte, wäre ich ein Scharlatan.
Deshalb bescheide ich mich auf das, was ich bin - ein Raniser im Bürgermeisteramt, und beschränke mich auf das, was ich weiß, was ich sehe und was ich erwarte.

Nicht verborgen geblieben sind uns bei der Wanderung durch die Stadt und ihre Geschichte bei aller Freude auch die "Ecken und Kanten von Ranis", die in privater und öffentlicher Trägerschaft noch auf eine Sanierung oder Neugestaltung warten. Es war schon zu allen Zeiten der Stadtgeschichte so, nie war alles gleichzeitig perfekt, denn Verbesserungen sind immer auch mit finanziellen Belastungen verbunden. Die heute außergewöhnlichen Belastungen sind meistens nicht hausgemacht, sondern durch Vorschriften bestimmt. So können wir nur schrittweise private und öffentliche Mittel aufbringen, und sie werden immer begrenzt sein.

Die wirtschaftliche Entwicklung unseres Ortes wird im Wesentlichen begrenzt bleiben auf die Möglichkeiten, die das Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsgewerbe zusammen mit der Landwirtschaft bieten. Unsere Stadt ist noch nie ein Industriestandort gewesen und wird auch zukünftig dafür nicht die Voraussetzungen bieten. Wir können und wollen uns nicht messen mit den Nachbarorten an den Verkehrsachsen der Region. Ja, es wäre sogar töricht, Entwicklungsversuche in diese Richtung unternehmen zu wollen, denn dann würden wir uns in der Folge der Trümpfe berauben, die gerade die Vorzüge der Burgstadt Ranis ausmachen - ein städtetouristisch interessanter und attraktiver Wohnstandort in einem landschaftlich reizvollen Raum. Hier liegen unsere Entwicklungschancen, und diesbezüglich müssen wir unsere Kräfte bündeln und die einzelnen Interessen zusammenbringen.

Vor diesem Hintergrund können Arbeitsplätze vor Ort erhalten werden und Neue entstehen. Ich rufe Schule und Unternehmen auf, noch stärker Kooperationen zu entwickeln und zu gestalten, welche die Schulabgänger aus Ranis frühzeitig für regional benötigte Berufe interessieren und in entsprechende Ausbildungsplätze vermitteln, damit uns die Jugend nicht verloren geht und junge Familien bei uns eine Zukunft haben. Ich rufe die Politiker auf, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Kinderbetreuung vor Ort finanzierbar bleibt.

Wir werden die bauliche Sanierung des Stadtkerns als zentrale Aufgabe fortsetzen: Wertvolles bewahren, für seine Lebensfähigkeit Notwendiges verändern - attraktiv für den Touristen und bewohnbar für den Bürger.

Wir werden vorhandene und entstehende Angebote für den Tages- und Urlaubstourismus inhaltlich und strukturell stärker miteinander verknüpfen und gemeinsam vermarkten. Die bestehenden und sich aktuell neu eröffnenden Möglichkeiten der Burgnutzung müssen dabei immer mit einbezogen werden. Es darf gerade in diesem, für alle Beteiligten aufwändigen Bereich kein Gegeneinander geben. Die Erwartungen an den Partner sollen realistisch bleiben und seinen jeweiligen Möglichkeiten entsprechen.

Verehrte Bürgerschaft, liebe Raniser,
den Wunsch nach besseren Straßen, nach einem zweckmäßigeren Gebäude für die Feuerwehr, nach einem komfortableren und besser nutzbaren Bürgerhaus - um aus meiner langen Liste notwendiger Veränderungen nur kurz zu zitieren- , den Wunsch nach einem erfolgreich funktionierenden Netzwerk von öffentlichen, Vereins- und Privatinitiativen im kulturellen und touristischen Bereich, nach einer guten Symbiose zwischen Burg und Stadt, werden wir uns auch zukünftig immer nur durch die Bereitschaft zu eigenen Anstrengungen erfüllen können.
Dann allerdings wird es uns auch weiterhin nicht an der Unterstützung unserer Partner mangeln, dessen bin ich mir gewiss.

Wenn wir in den Gremien der Stadt und Vereine, beim Gespräch auf der Straße oder in der Diskussion am Stammtisch berücksichtigen, dass das gemeinschaftliche Ziel oftmals dem privaten Einzelinteresse vorangehen muss, wenn die freilich manchmal beschwerlichen demokratischen Regeln der Streitkultur nicht nur gute Vorsätze bleiben, sondern auch in der "Hitze des Gefechtes" nicht in Vergessenheit geraten, dann werden wir auch die Zukunft der Stadt weiterhin in einem guten Klima zum Wohle ihrer Bewohner gestalten können.

In unserer langen Stadtgeschichte hat es auch immer wieder Zeiten schlimmster Belastungen gegeben. Die Stadt und ihre Bewohner drohten gar, vernichtet zu werden.
Ich erinnere an den 30jährigen Krieg mit der Belagerung von Saalfeld durch schwedische Kriegshorden im Jahre 1640, die mordend und plündernd die umliegenden Ortschaften aufsuchten, an den 7jährigen Krieg 1756-1763, an den Befreiungskrieg 1792-1815, ich erinnere an Not und Elend durch Seuchen und Feuersbrünste oder an die Folgen der beiden Weltkriege, deren Opfer aus der Bürgerschaft wir jährlich gedenken.

Vor dieser Art von Belastungen möge unsere Stadt allzeit verschont bleiben.

In unserem Jahrhundert werden es wohl die großen wirtschafts-, umwelt- und kulturpolitischen Herausforderungen auf dieser Erde sein, welche nicht nur unser Land schon jetzt - wenn auch noch auf hohem Niveau - vor große Probleme stellen. Die von Keinem herbeigewünschten, aber nicht mehr aufschiebbaren Veränderungen hinterlassen ihre Spuren schon heute auch in unserem örtlichen Gemeinwesen. Steuererhöhungen und Leistungseinschränkungen lassen weitere soziale Verwerfungen befürchten, denn sie werden nicht mehr nur durch Umschichtungen kompensierbar sein.
Unsere Bürgergemeinschaft bleibt dann stark und lebensfähig, wenn uns heute und zukünftig der arbeitslose 1-Euro-Jobber genauso viel wert ist wie der gutsituierte Berufstätige, wenn die Solidarität mit dem Schwächeren nicht nur Sache der Kirchen und Wohlfahrtsverbände bleibt, wenn wir den Blick nicht auf, sondern für den Nachbarn haben.

Bewahren wir unsere Stadt vor dem neuerlichen Einzug eines Ungeistes, der nur Hass und Feindschaft in unsere Stadt und in unsere Häuser trägt, geben wir neofaschistischen und rechtsextremistischen Parolen und ihren Trägern bei uns keine Chance. Sie erlösen uns nicht von den Sorgen dieser Zeit, sondern suchen die Zerstörung unserer Gesellschaft und ihrer verfassungsmäßig verbrieften Grundrechte. Sie taugen nicht einmal für Protestwahlen.
Jeder und jede, die in unserer Gemeinschaft leben, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, und religiöser Bindung ist Raniser Bürger, Raniser Bürgerin mit den gleichen Rechten und Pflichten. So ist es und so soll es bleiben.

Und ein letztes "Quo vadis":
Um uns darüber klar zu werden, dass sich territoriale oder Verwaltungsstrukturen immer wieder verändern, diese mitunter sehr kurzlebig sein können, brauchen wir gar nicht so weit in die Jahrhunderte zurückzublicken. Ich verweise nur auf die Zugehörigkeit der Stadt: 150 Jahre Landkreis Ziegenrück, ab 1945 Landkreis Saalfeld, ab 1952 Kreis Pößneck, seit 1994 Saale-Orla-Kreis.
Die politisch eigenständige kommunale Selbstbestimmung nach 1990 war eine wichtige Phase der Selbstfindung, der Vertiefung der örtlichen Identität. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass angesichts der finanziellen Gesamtsituation auf staatlicher und kommunaler Ebene Verwaltungs- und Gebietsreformen weiter in der Diskussion bleiben. Strukturen sind jedoch nicht ausschlaggebend für den Fortbestand unseres Gemeinwesens, eine gute Gemeinschaft bewährt sich in jeder Struktur.
Ausgestattet mit ihren Besonderheiten wird die Stadt in guter Nachbarschaft zu Pößneck, in bewährter Partnerschaft mit den umliegenden Gemeinden und in neuer Verbindung mit Krölpa aus der heutigen Verwaltungsgemeinschaft heraus ihren regionalen Platz suchen und finden.


Verehrte Festgesellschaft!

Das Wissen um die vergangenen 625 Jahre Stadtgeschichte, gibt uns heute die Kraft und die Zuversicht, mit der wir in die Zukunft unserer Stadt blicken.

Bewahren wir das, was über Jahrhunderte geschaffen wurde, und das, was Ranis heute ausmacht, gestalten wir das, was die Zukunft von uns erfordert mit Augenmaß und Verstand; bleiben wir gemeinsam, in der Gemeinschaft auf der Suche nach der Stadt Bestem - dann ist mir nicht bange um diese Stadt und ihre Bewohner.


Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Andreas Gliesing
Bürgermeister


(Es gilt das gesprochene Wort.)


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